Das DIY-Retro-Handheld

In diesem Blogbeitrag zeigen wir Euch, wie Ihr Euch in wenigen Handgriffen und ohne Löten ein Retro-Gaming-Handheld zur Emulation von Spieleklassikern baut.

Das braucht Ihr

Retroflag GPi Case
Anders als andere Raspberry-Pi-Gehäuse verfügt dieses gleich über einen eingebauten Farbbildschirm und einen eingebauten Controller. Welchem berühmtem Vorbild das Case nachgebildet wurde, muss man wohl kaum erwähnen. Gegenüber dem Original ist dieses Gehäuse ungefähr 30 Prozent kleiner. Schrauben und Schraubenzieher sind im Lieferumfang enthalten.

Das GPi Case ist momentan nicht lieferbar. Aufgrund der weltweit grossen Nachfrage kann es zu Lieferverzögerungen kommen.

Im Shop: https://www.brack.ch/retroflag-gehaeuse-gpi-940549?tx=blog_gpicase

Raspberry Pi Zero W
(in diesem Beitrag bisweilen auch kurz «RasPi 0» genannt)
Das Retroflag GPi Case ist speziell auf diesen kleinsten der Mini-Computer-Serie Raspberry Pi ausgelegt. Obwohl etwa so klein wie eine Kreditkarte, handelt es sich um einen vollwertigen Computer, der über eine Speicherkarte mit einem Betriebssystem und weiterer Software bespielt werden kann. Die «W»-Variante verfügt über WLAN und Bluetooth, was die Wartung später erleichtert.

In unserem Shop findet Ihr ein praktisches Set, von dem Ihr allerdings im Zusammenhang mit dem GPi Case nur die Platine und die microSD-Karte (vgl. Bild) benötigt. Ihr könnt die Sachen auch einzeln erwerben, aber einfach bitte nicht die Variante mit bestückter GPIO-Stiftleiste kaufen, die passt nicht ins GPi Case. Hier der Link zu besagtem Set:

https://www.brack.ch/sertronics-starter-kit-raspberry-pi-zero-full-680880?tx=blog_gpicase

GPIO bedeutet «general purpose input/output». An dieser Allzweck-Ein- und Ausgabe-Schnittstelle kommuniziert der RasPi mit anderen Geräten. In diesem Projekt verbindet Ihr den Mini-Computer mit Controller und Bildschirm des GPi-Gehäuses über diese Schnittstelle. Hier seht Ihr die unbestückte (oben) vs. die bestückte GPIO-Schnittstelle auf der Raspberry-Pi-Zero-W-Platine. Für dieses Projekt benötigt Ihr die Version ohne festgelöteten Header.

GPi Case und Raspberry Pi Zero W im Bundle
Es ist angedacht, dass wir das Case und den RasPi auch in einem Bundle (inklusive Speicherkarte und Akkus) anbieten. Das ist aber bei uns noch nicht ready. Sobald der Artikel online ist, verlinken wir ihn hier.

RetroPie
RetroPie ist im Prinzip eines von mehreren existierenden Betriebssystemen und Bedienoberflächen auf Linux-Basis, die mehr oder weniger komplett auf Retro-Gaming ausgelegt sind. Download für RasPi 0 kostenlos hier: https://retropie.org.uk/download/

balena Etcher
Dieses Hilfsprogramm «brennt» quasi ein Betriebssystem-Image auf Eure microSD-Karte. Download kostenlos hier: https://www.balena.io/etcher/

Downloads beim Hersteller Retroflag
Zum einen benötigt Ihr den GPi Case Patch. Dieser Patch sorgt dafür, dass vom Raspberry Pi das Display und die Bedienknöpfe des GPi-Gehäuses angesteuert werden können. Zum anderen benötigt Ihr das Safe-Shutdown-Script. Es sorgt dafür, dass der Pi-Computer sicher runtergefahren wird, sobald Ihr den On-Off-Knopf des Cases betätigt. Beides gibt es hier kostenlos: http://download.retroflag.com/ Ihr müsst Euch aber vorgängig nur den Patch holen, die Installation des sicheren Shutdown-Scripts erledigen wir nachher direkt über den RasPi!

PuTTY
Putty ist ein Client für Telnet- und Secure-Shell-Verbindungen. Damit könnt Ihr Befehle auf Eurem Raspberry Pi Zero von einem Computer aus ausführen (wird sonst schwierig, da Eurer Pi Zero nachher in einem Case verbaut ist, das keinen Tastaturanschluss hat): https://www.putty.org/ (kostenlos)

Ausserdem benötigt Ihr einen Computer mit Internetzugang und microSD-Kartenleser (entweder eingebaut oder über USB-Adapter) sowie darauf einen Texteditor (z.B. Notepad++).

So geht’s

Dies hier ist nur eine kurze Übersicht. Sehr gute ausführliche Anleitungen findet Ihr im Netz, etwa hier und hier. Weitere empfehlenswerte Lektüre gibt’s im Github-Wiki von RetroPie.

Hardware assemblieren

Achtet darauf, dass der On-Off-Schalter des GPi Cases auf OFF und der Safe-Shutdown-Schalter im Batteriefach auf ON ist. Nehmt das Steckmodul aus dem GPi Case und öffnet es vorsichtig. Entfernt den Gummideckel für den microSD-Port, dann geht es einfacher. Das schwarze Bändchen auf der darin liegenden Platine ist die Stromversorgung für den Raspberry Pi Zero W. Schliesst es am Anschluss des RasPis wie abgebildet an. Legt nun den Raspberry Pi Zero W in die Aussparung und schraubt sie mittels der mitgelieferten Schrauben fest. Legt die Platine mit den gefederten Pogo-Pins passgenau über den GPIO-Anschluss des Mini-Computers (die 40 Löchli). Bringt nun den Gummideckel wieder vor dem microSD-Port an. Steckt danach den Deckel wieder auf und verschraubt das Modul ordentlich. Nun könnt Ihr das Modul wieder ins GPi Case hineinstecken.

Legt nun das Case vorerst zur Seite. Kümmern wir uns um die Software.

Betriebssystem flashen

Steckt die microSD-Karte in den mitgelieferten SD-Adapter und schiebt das in Euren SD-Kartenleser (entweder direkt am Computer eingebaut wie in meinem Fall (Bild) oder über einen USB-Adapter sollte das auch gehen). Startet balena Etcher und flasht die microSD-Karte mit dem Retropie-Image. Das dauert einige Minuten, je nach Grösse Eurer Speicherkarte. Werft danach die Karte ordnungsgemäss aus und schiebt sie danach wieder in den Port.

GPi-Patch installieren

Hierfür kopiert Ihr den entpackten Patch-Ordner ins Root-Verzeichnis der microSD-Karte.

SecureShell einrichten

Öffnet Euren Texteditor und speichert eine leere Datei unter dem Dateinamen ssh (Achtung, bitte keine Dateiendung wie .txt) im Rootverzeichnis Eurer Speicherkarte ab.

WLAN einrichten

Öffnet Euren Texteditor und pastet folgenden Inhalt hinein:

country=CH
ctrl_interface=DIR=/var/run/wpa_supplicantGROUP=netdev
update_config=1
network={
ssid="eure wifi_id"
psk="euer wifi_passwort"
key_mgmt=WPA-PSK
priority=1
}

Speichert die Datei unter dem Dateinamen wpa_supplicant.conf (ohne .txt) im Rootverzeichnis Eurer Speicherkarte ab.

GPi einschalten

Werft die SD-Karte am Computer sicher aus und legt sie ins Modul des GPi-Gehäuses ein. Versorgt das Gehäuse für die nächsten Schritte über das beigelegte USB-Kabel mit Strom und schaltet das Gehäuse ein. Wenn Ihr alles richtig gemacht habt, seht Ihr jetzt die Raspberry-Pi-Bootsequenz.

Knöpfe mappen

Beim ersten Start von RetroPie müsst Ihr in der Software Steuerkreuz und Knöpfe zuweisen. Mit einem langen Tastendruck startet Ihr den Prozess. Einige Knöpfe sind beim GPi Case nicht vorhanden. Dort einfach mit einem langen Tastendruck irgendeiner Taste so lange überspringen, bis Ihr am Ende der Konfiguration angelangt seid.

Safe-Shutdown-Script installieren

Lasst das GPi Case bitte eingeschaltet. Nun loggt Ihr Euch am PC via PuTTY über SSH in Euren Raspberry Pi Zero W ein. Als Hostnamen wählt Ihr retropie. Loggt Euch ein als User pi mit dem Passwort raspberry. Ihr könnt nun Befehle auf der Kommandozeile eingeben. Nun ladet Ihr Euch das Safe-Shutdown-Script direkt auf den Pi respektive die Karte herunter und installiert es, indem Ihr folgenden Text in den Zwischenspeicher Eures Compis kopiert:

wget -O - "https://raw.githubusercontent.com/RetroFlag/retroflag-picase/master/install_gpi.sh" | sudo bash

Mit einem Rechtsklick in PuTTY fügt Ihr den Inhalt Eures Zwischenspeichers auf der Kommandozeile ein. Drückt Enter, und Euer RasPi holt sich das Script von Github und installiert es. Wenn Ihr jetzt komische Farben auf dem Display sieht, müsst Ihr Euch keine Sorgen machen: Das Gerät startet sich neu.

Passwort ändern

Loggt Euch danach nochmals mittels PuTTY ein. Tippt auf der Kommandozeile folgenden Befehl ein:

passwd

Nun könnt Ihr ein neues Passwort aussuchen.

Games installieren

Wir gehen davon aus, dass Eure ROMs auf einem anderen Rechner oder NAS im Netzwerk liegen. Dann könnt Ihr die bequem per WiFi auf Euer Retro-Handheld ziehen. Ihr müsst im selben Heimnetzwerk sein, um auf den Netzwerkordner zugreifen zu können. In Windows findet Ihr Retropie im Datei-Explorer als Samba-Share unter «Netzwerk»; alternativ tippt Ihr in die Adresszeile \\RETROPIE ein. Die ROMs verschiebt Ihr jetzt einfach via Drag&Drop und WLAN auf Euer neues Retro-Gaming-Handheld. Damit die Spiele in Emulation Station angezeigt werden, müsst Ihr das Betriebssystem rasch neu booten. Weitere Software-Ports, Emulatoren etc. lassen sich direkt aus Retropie heraus in Form optionaler Pakete installieren.

Achtung

Der Download urheberrechtlich geschützter Computer- und Videospiele zum Eigengebrauch ist in der Schweiz verboten (Link).

Fazit

Man braucht weder Programmier- noch Lötkenntnisse, deshalb war das Case mithilfe von einigen Anleitungen im Netz auch für mich als Noob recht einfach einzurichten (und der Mini-Computer lässt sich später auch wieder für andere Projekte verwenden, wenn einem das Gamen verleidet). Das Look & Feel erinnert wirklich ans Original, auch wenn dieses Case einiges kleiner ist als vor 30 Jahren. Das Display ist von der Auflösung her ideal geeignet für die Spiele aus der 8- und 16-Bit-Zeit, die werden vom Raspberry Pi Zero W in Verbindung mit einer entsprechenden OS-Distribution (z.B. Retropie wie in meinem Beispiel hier) grösstenteils auch flüssig emuliert. Für spätere Games, und das ist vielleicht eine kleine Kritik, ist das Ding weniger geeignet, da sich ausschliesslich die Pi-Variante Zero/Zero W einbauen lässt. Es läuft auch nicht alles auf Anhieb; aber lasst Euch davon nicht entmutigen – ein wenig Pröbeln gehört wohl dazu, gerade mit den verschiedenen Emulatoren. Ein anderer Punkt ist, dass die drei AA-Batterien wirklich schnell leer sind (noch schneller als anno Tobak beim Sega Game Gear – if you know, you know). Mein Tipp dazu: Vielleicht, wann immer möglich, zum beigelegten USB-Kabel zur Stromversorgung greifen, gerade auch, wenn Ihr über SSH irgendwelche Tasks auf dem Gerät ausführt (z.B. Screenshots übertragen). Das kann dann auch mal etwas länger gehen auf diesem winzigen Computer. Trotzdem kann ich das GPi Case von Retroflag allen Freunden von Retro-Gaming wärmstens ans Herz legen.


0       Kommentare Geposted von Daniel Rei

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