Zwei Emmentaler, die als Triathleten die Welt erobern

 IMG_3114Total verschieden und doch so ähnlich: die beiden Salvisberg-Brüder. Andrea und Florin trainieren, wohnen und scherzen den ganzen Tag zusammen. Und dieses Jahr konzentrieren sich die Emmentaler Jungs ganz auf ihre Leidenschaft Triathlon.

Schwer zu finden ist die gemeinsame Wohnung der beiden Triathleten Andrea (27) und Florin (25) Salvisberg nicht: Da, wo die meisten Sportschuhe vor der Türe stehen, empfangen uns die Jungs fürs Nachmittagsinterview. Sportlich elegant wirken sie, entspannt und glücklich.

Alles Triathlon oder was?

Die beiden Brüder wohnen nicht alleine. Fabian, Florins Zwillingsbruder, und ein weiterer Mitbewohner komplettieren die WG.

Andrea (27) und Florin (25) Salvisberg im Gespräch

Andrea (27) und Florin (25) Salvisberg im Gespräch

Die Familie Salvisberg ist regelrecht sportbegeistert. Die Eltern haben früher aktiv an Triathlon-Wettkämpfen teilgenommen und die Freude daran ihren vier Söhnen weitergegeben. Sowohl Lukas wie auch Fabian waren Triathleten, wobei sich beide nach und nach gegen ein Profidasein entschieden haben.

«Der Triathlon ist definitiv kein Zuckerschlecken», sagt Florin. Der Sport fordert viel, man muss immer fit sein und auf vieles verzichten – man muss es einfach wollen. Diesen Willen haben die beiden Brüder eindeutig und setzen alles auf die Karte Triathlon. Vor allem Andrea will es diese Saison wissen: Er trainiert hart für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro. Doch der Weg dahin ist lang und hart.

Früh übt sich

So ring wie diese Saison lief es nicht immer. Andrea und Florin hatten jeweils mit eigenen Problemen zu kämpfen. Doch beide sind der Meinung, dass sie das nur stärker gemacht habe und der gesamte Sportrummel eine Art Lebensschule sei.

Schon als Kinder waren die vier Buben immer draussen unterwegs. Als Florin meint, dass es nie langweilig wurde und sie oft «Seich» gemacht hätten, zwinkern sich beide verschmitzt zu. Ernst mit dem Sport wurde es erst nach Gymizeiten, obwohl sie ihre ersten Erfahrungen an Kindertriathlons gesammelt hatten. «Es war noch nicht so seriös, wir haben nach dem Schwimmen einfach die Joggingschuhe und ein T-Shirt übergestreift. Ich erinnere mich noch daran, wie wir mit einem total durchnässten Shirt unsere Runden gestrampelt sind», sagt Andrea. Eine lustige Vorstellung, wenn man weiss, wie die beiden in ihrem aktuellen Renndress aussehen.

Beim Training und bei Wettkämpfen unterstützen sich die Brüder immer wieder

Beim Training und bei Wettkämpfen unterstützen sich die Brüder immer wieder

Sport als Lebensschule

Nach dem einfachen Einstieg in den Triathlon-Zirkus, der sich mehr wie ein Hineinrutschen anhört, ging es schnell aufwärts. Beide waren in ihren Altersgruppen erfolgreich und konnten sich stetig verbessern und trainierten immer mehr. Bald aber rangen beide mit gesundheitlichen Herausforderungen – körperlichen und psychischen.

Bei Andrea ist die «Kochplatten-Macke» das einzige Überbleibsel seiner gesundheitlichen Krise. Dass der Triathlet aus dem B-Kader eine Kochplatte im Gepäck hat – egal wo es hin geht – hat seine Gründe. Seit er angefangen hat, hauptsächlich vor einem Rennen, selbst zu kochen, leidet der 27-Jährige nicht mehr an starken Magenkrämpfen. «Zum Teil hat es derart geschmerzt, dass ich am liebsten alles hingeschmissen hätte. Vor allem nach den Rennen war dieses Gefühl jeweils übermächtig», sagt Andrea.

Ein Grund, um mit dem Sport aufzuhören? Es hätte einer werden können, wenn Andrea nicht auf den Zuspruch und die Hilfe seiner Mutter hätte zählen können. Sie war diejenige, die stets nach vorne blickte und ihren «mittleren» Sohn motivierte. Gelernt hat Andrea vieles, aber vor allem, wie er sich am besten auf einen Anlass vorbereitet: Er schmökert in einem Buch bis zur letzten Sekunde, bevor es ihn an den Start zieht.

Burn-out als Folge des Übertrainings

«Wir sind da total verschieden», wirft Florin umgehend ein. Er mag es nicht, als Letzter im Gelände anzukommen, und ist deshalb ein «Early Bird» unter den Triathleten. Obwohl die beiden so viele Gemeinsamkeiten haben, unterscheiden sie sich in genauso vielen Punkten. Andrea wirkt ruhiger und Florin quirlig, Andrea rückte letztes Jahr in der Weltrangliste nach vorne und Florin will sich dieses Jahr wieder eine bessere Kaderplatzierung erobern und, und, und.

Auch Florin musste sich seine Sporen im Sportlerleben hart verdienen. 2013 lief es dem jüngsten Salvisberg sehr gut. Er gewann die U23 Europameisterschaften und war Weltcupsieger in Tiszaujvaros (Ungarn). Und trotzdem wollte sein Körper den Ansprüchen nicht mehr genügen, bis er schliesslich streikte, was sich zuerst in Bauchschmerzen äusserte und dann zu einem längerfristigen Trainingsausfall führte. Mit dem Übertraining war’s aber noch nicht genug. «Mich führte es in ein Burn-out, da ich nicht mehr trainieren konnte. Und das ging viel länger, als ich je gedacht hätte», sagt Florin. Das Jahr zog sich für ihn unglaublich in die Länge. Der Körper reagierte nicht mehr wie gewohnt, eine klare Diagnose gab es nicht und die Heilung war auch nicht gleich in Griffnähe. Am meisten Mühe hatte Florin damit, dass ihm niemand einen klaren Befund angeben konnte. «Das war eindeutig die grösste Schwierigkeit für mich. Ich wusste selber nie, was es war, und dachte, morgen geht’s vielleicht wieder besser oder bis hin zu Augenblicken, in denen ich mich völlig gesund gefühlt habe», bestätigt Florin.

Die stärkste Stütze

Aufwärts ging es erst wieder, als Florin sich selbst eingestand, dass sein Körper Ruhe braucht. Gesprochen hätten sie darüber unter den Brüdern, in der Familie, aber niemand konnte es sich genau vorstellen, wie Florin litt und welchen Kraftakt es bedarf, sich – zumal in so jungen Jahren – aus einem Burn-out zu befreien. Die Familie war aber immer da und die Jungs wurden nie müde, ihren jüngsten Bruder aufzumuntern und ins Training zu «schleicken».

Haben immer Spass miteinander: ob beim Training oder in den eigenen vier Wänden

Haben immer Spass miteinander: ob beim Training oder in den eigenen vier Wänden

Florin hat seine Probleme mittlerweile akzeptiert und verarbeitet, lernt mit Achtsamkeitsübungen den Einklang von Geist und Körper zu finden. Ja, er kann die (Atem-)Techniken sogar im Wettkampf verwenden. Der junge Triathlet sagt, dass er in dieser strengen Zeit sehr viel über sich selbst gelernt hat: «Ich habe zu mir selbst zurückgefunden.»

Die bodenständigen Emmentaler

Im Hintergrund stand immer die Familie. Bereits in ihrer Kindheit lernten die vier Brüder, wie wichtig ihr Zusammenhalt, das Teilen, das Gönnen und das aufeinander Aufpassen sind. Davon profitieren Florin und Andrea nicht nur in der WG, sondern auch im Sport.

Die beiden aktiven Triathlon-Brüder haben sich durch die jeweiligen Hochs und Tiefs begleitet und helfen einander im Rennen. So zieht Florin Andrea schnell mal aus dem Wasser oder Andrea reicht Florin seinen Bidon. «Wir passen aufeinander auf und versuchen, uns gegenseitig voll zu unterstützen», sagt Florin.

Die Eltern der beiden sind regelmässig an den Rennen anzutreffen, wo sie mitfiebern und wahrscheinlich die grössten Fans der beiden Emmentaler sind – auch wenn sie in der Schweiz als Konkurrenten antreten. Selbst sehen sie sich auf keinen Fall als solche: in erster Linie sind sie Brüder. Keiner beneidet den anderen, Erfolge werden gemeinsam gefeiert.

Und das «echte» Leben?

Seit diesem Jahr darf sich Andrea hundertprozentig auf den Triathlon konzentrieren, im Studium pausiert er. «Ich bin sehr gespannt, was noch alles auf mich zukommen wird.» Aber erstmal geht’s für ihn im August nach Rio de Janeiro, wo er mit seinen Teamkollegen vom Swiss Triathlon Team sein allerbestes geben will. Er will nicht nur dabei sein! Florin möchte vor allem ein gutes Comeback in dieser Saison geben. Und ganz nebenbei noch den Bachelor in BWL abschliessen. Sein Ziel ist es, irgendwann einmal «richtig» zu arbeiten – als ob Triathlon nicht schon eine Mordsarbeit wäre.

Natürlich denken die zwei weiter und über den Triathlon hinaus. Auf Grund der gemeinsamen familiären Erfahrungen hegen sie den Wunsch, einmal eine eigene zu haben. So einfach scheint es mit Beziehungen im Profisport aber nicht zu sein. Bei Andrea scheiterte es immer wieder daran, dass die Lebensrealitäten ganz verschieden waren und der Sport bald zum Problem wurde. Klar ist jedoch für ihn: «Irgendwann möchte ich die richtige Frau finden und mit ihr zusammen eine eigene Familie gründen.»

Unkompliziert, ehrlich und quirlig: Florin, Alexandra und Sabrina (von BRACK.CH), Andrea

Unkompliziert, ehrlich und fröhlich: Florin, Alexandra und Sabrina (von BRACK.CH), Andrea

BRACK.CH sponsert das Swiss Triathlon Team und Andrea und Florin Salvisberg. Viel Glück für Rio und die Saison!

 

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0       Kommentare deaktiviert für Zwei Emmentaler, die als Triathleten die Welt erobern Geposted von Alexandra Donat

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